• Selbsthilfe-Alkohol
  • Selbsthilfe Alkohol online Selbstlernprogramme für kontrolliertes Trinken und Abstinenz

Fakten, Hintergründe und Begründungszusammenhänge des Internetportals Selbsthilfe Alkohol


Geringe Nutzung des Gesundheitssystems und „Selbstheilung“:
Internationale Studien zeigen, dass nur ein geringer Teil der Personen mit einer Alkoholerkrankung suchtspezifische Hilfen in Anspruch nimmt. Dies gilt, wie die TACOS-Bevölkerungsstudie in Deutschland zeigte, vor allem für Menschen mit Alkoholmissbrauch (Rumpf et al., 2000). Aber auch in der Gruppe der Abhängigen ist die Inanspruchnahme gering: 59% der Personen mit einer Lebenszeit-Abhängigkeit und 53% der remittiert Abhängigen nahmen nie irgendeine Hilfe in Anspruch (jeweils 14% hatten „wenige Kontakte“). In noch geringerem Ausmaß suchen aktuell Abhängige eine suchtspezifische Hilfe: lediglich 14% nehmen über wenige Kontakte hinausgehende Hilfen in Anspruch. Insgesamt bestätigte sich das Ergebnis aus früheren Studien zum „natürlichen“ Verlauf der Alkoholabhängigkeit, dass der weitaus größte Teil aller Remissionen bei Alkoholabhängigkeit, nämlich zwei Drittel und drei Viertel (Rumpf et al., 2009), ohne formelle Hilfe erfolgt.
Nach Wienberg (2001) machen lediglich 1.7% aller Alkoholabhängigen eine stationäre Entwöhnungsbehandlung und 10% eine ambulante. Dabei vergehen – sofern es überhaupt zu einer solchen kommt – durchschnittlich 6 Jahre, bis ein Alkoholabhängiger einer effektiven Behandlung zugeführt wird (Lindenmeyer, 2005).

„Kontrolliertes Trinken“ (KT) als Behandlungsziel:
Seit nunmehr bald 40 Jahren wird die Frage, ob KT für Alkoholabhängige möglich sei oder nicht, in der Fachwelt kontrovers und häufig sehr emotional diskutiert. Walters (2000) zieht aus seiner Meta-Analyse das Resümee, dass zumindest verhaltenstherapeutische Selbstkontroll-Trainings abstinenzorientierten Interventionen im Hinblick auf Effektivität und Stabilität des Erfolges ebenbürtig seien. Auch andere Überblicksarbeiten zum KT (Ahrend, 1991; Körkel, 2002; Saladin & Santa Ana, 2004) kommen zu ähnlichen Schlüssen und lassen KT zumindest für bestimmte Personengruppen als sinnvolles Behandlungsziel erscheinen. Als eines der Kernargumente für KT wird immer wieder angeführt, dass sich in so gut wie jeder Katamnese zu abstinenzorientierten Behandlungen eine Gruppe zwischen 3%-11 % (Lindenmeyer, 2005) findet, die ein „gebessertes“ Trinkverhalten zeigt bzw. einen mehr oder weniger unauffälligen Konsum pflegt. Während in den USA, in Kanada, den skandinavischen Ländern und den Niederlanden KT schon seit langem durchaus als mögliches Behandlungsziel (v.a. bei Alkoholmissbrauch) akzeptiert wird und entsprechend verschiedene Ansätze entwickelt wurden, ist die Suchthilfe im deutschsprachigen Raum nach wie vor dem „Abstinenzdogma“ verpflichtet. Zwar wurden auch hier seit den 70er Jahren Programme zum KT umgesetzt (und auch erfolgreich), allerdings nur sehr vereinzelt und meist im Kontext von Forschungsstudien (vgl. Körkel, 2002). Allerdings setzt sich mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum zunehmend die Position durch, dass Abstinenz als alleiniges Ziel in der Behandlung von Alkoholerkrankungen nicht mehr haltbar bzw. sinnvoll ist und dass Konzepte zu einem reduzierten Konsum durchaus vertretbar sind (Soyka, 2013).
Das aktuell bekannteste KT-Konzept im deutschsprachigen Raum ist sicherlich das 10-Schritte-Prorgamm zum selbstständigen Erlernen des kontrollierten Trinkens von Körkel (2006); genannt sei aber auch das PEGPAK von Wessel und Westermann (2002), ein Gruppenprogramm zur Konsumreduktion für „problematische AlkoholkonsumentInnen mit riskanten oder abhängigen Konsummustern“. Als wichtigste Argumente für die Erweitung der abstinenzorientierten Suchthilfeangebote nennt Körkel (2002): 1. Autonomiewahrung des Konsumenten und 2. bessere Erreichbarkeit der Zielgruppe (da die deutsche Suchthilfe erreicht mit den bestehenden Angeboten so gut wie niemanden im Vorfeld oder im Frühstadium einer Abhängigkeit erreiche).

„Kontrolliertes Trinken“ (KT) als Rückfallgrund:
Der Wunsch und Versuch, kontrolliert trinken zu wollen, zählt nach Schneider (2013) mit 12.5%-28% zu den häufigsten Rückfallursachen nach abstinenzorientierter Therapie. Auch die klinische Erfahrung zeigt, dass Patienten in stationären Einrichtungen häufig im Internet stöbern, mitunter auf Konzepte zum KT stoßen und nicht selten – nach Monaten stationärer auf Abstinenz abzielender Therapie und ungeachtet der Tatsache, dass sie nicht zur primären KT-Zielgruppe gehören – bei Entlassung mitteilen, dass sie zuhause einen KT-Versuch starten wollen. Bezüglich der Erfolgsquote dieser Versuche liegen keine exakten Daten vor. Doch lässt sich auf Basis klinischer Erfahrung sagen, dass Patienten mit wiederholt gescheiterten, eigenständig versuchten KT-Versuchen klarer und eindeutiger in ihrer Abstinenzentscheidung sind.

Möglichkeiten der Selbsthilfe (neben klassischen Strukturen wie den Anonymen Alkoholikern):
Zumindest die kognitiv-verhaltenstherapeutisch orientierte Behandlung von Alkoholerkranken besteht im Wesentlichen aus standardisierten Behandlungselementen (Diagnostik, Informationsvermittlung, Erarbeitung von Vor- und Nachteilen des Alkoholkonsums, Sensibilisierung für persönliche Risikosituationen, Ablehnungstraining etc.), welche grundsätzlich auch in Form eines Selbsthilfemanuals angeboten werden können. Entsprechende Manuale wurden bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts vor allem in den USA vorrangig für Personen mir einem problematischen Alkoholkonsum („problem drinkers“) entwickelt. Wie z.B. die Meta-Analyse von Apodaca und Miller (2003) zeigt, sind derartige Selbsthilfebücher durchaus effektiv und geeignet, den Alkoholkonsum auch über längere Zeiträume (follow-up-Perioden bis zu 8 Jahren) im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne Intervention signifikant zu senken, wobei die Effektivität vergleichbar hoch war wie Kurz-Zeit-Interventionen. Bemerkenswerterweise scheinen zusätzliche persönliche oder telefonische therapeutische Beratung die Effektivität von Selbsthilfematerialien nicht zu steigern (vgl. auch Sobell et al., 2002), wobei andererseits deren Bearbeitung selbst bei „schweren Trinkern“ in der Folge zu einer verstärkten Inanspruchnahme formeller Hilfe zu führen scheint.

Internet als neue Möglichkeit:
In den letzten Jahren wurden vor allem in den Niederlanden, in Großbritannien und den USA verschiedene PC-gestützte und Internet-basierte Angebote für Menschen mit Alkoholproblemen entwickelt, die von Minimalinterventionen mit Informationsvermittlung und einem Selbst-Screening bis hin zu sehr elaborierten mehrwöchigen Therapieprogrammen reichen. Deskriptive Analysen (Blankes et al., 2008; Linke, Brown & Wallace, 2004) sprechen u.a. für ein großes Interesse an solchen Angeboten (z.B. 7581 Besucher, davon 1319 Registrierungen innerhalb von 6 Monaten bei einem 6-wöchigen Selbsthilfe-Programm), wobei vor allem auch Personen erreicht werden, die bisher keinen Zugang zu anderen Suchthilfe-Einrichtungen gefunden haben – in auffallend hohem Maße auch Frauen mittleren Alters mit hohem Ausbildungsniveau (eine Gruppe, die in traditionellen Suchteinrichtungen eher unterrepräsentiert ist). Auch geben 20% der Nutzer an, dass sie keine reguläre Behandlung begonnen hätten, wären sie nicht auf das Internetangebot gestoßen. Als Hauptmotive für die Nutzung des Internets werden vorrangig die Möglichkeit der Anonymität und der flexible und leichte Zugang von genannt. Die bisweilen einzige randomisierte und kontrollierte Studie (Riper et al., 2007, 2008) zeigt für ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Selbsthilfe-Programm, dass durch dieses eine signifikante Reduktion des Alkoholkonsums erzielt werden kann (Follow-up nach 6 Monaten: 17% versus 5% in der Kontrollgruppe, welche lediglich eine psychoedukative Informationsbroschüre zum Thema Alkohol erhalten hatte)

Hohe sozioökonomische und gesundheitspolitische Relevanz von Alkoholerkrankungen:
Alkoholabhängigkeit stellt in den westlichen Industrienationen bei Männern die häufigste und bei Frauen die zweithäufigste psychische Störung dar. 3.9 Millionen der 18-59-jährigen Deutschen erfüllen die DSM-IV- Kriterien für "Alkoholmissbrauch" (5% der Bevölkerung) oder "Alkoholabhängigkeit" (3% der Bevölkerung), wobei die tatsächlichen Zahlen wegen der wahrscheinlichen Verleugnungstendenz der Befragten noch höher liegen könnten (Küfner & Kraus, 2002). Einen riskanten Konsum pflegen 12% der Untersuchten, einen gefährlichen Konsum 4% (Kraus & Augustin, 2001).
In Österreich leiden einer Schätzung zufolge ca. 5% der Erwachsenen an einer chronischen Alkoholerkrankung; rund 10% der Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens an Alkoholismus (Uhl et al., 2009).
 

Zielsetzung des Programms

Aus den dargelegten Daten und Überlegungen entstand die Idee, die Möglichkeiten und Vorteile des Internet einerseits und die Standardisierung der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlungselemente andererseits zu nutzen und auch im deutschsprachigen Raum für Menschen mit Alkoholproblemen im Internet ein Selbsthilfeprogramm mit grundsätzlich offener Zielsetzung (Abstinenz und KT) anzubieten. Im Sinne eines stepped-care-Ansatzes (Rumpf et al., 2000) sollen damit vor allem Betroffene in einem früheren Stadium der Krankheitsentwicklung erreicht werden, für die KT ein empfehlenswertes Ziel sein kann. Aber auch für die große Anzahl der Abhängigen, die, wie oben ausgeführt, bestehende suchtspezifische Hilfsangebote nicht in Anspruch nehmen, soll das Programm eine Möglichkeit der Selbsthilfe darstellen, zumal ein Behandlungsteil auf Abstinenz ausgerichtet ist.

Literaturverzeichnis

Apodaca, T.R. & Miller, W.R. (2003). A Meta-Analysis of the Effectiveness of Bibliotherapy for Alcohol Problems. Journal of Clinical Psychology, 53, 289-304.
Arend, H. (1991). Kontrolliertes Trinken: Ein alternatives Therapiekonzept für die Behandlung von Problemtrinkern. Praxis der Klinischen Verhaltensmedizin und Rehabilitation, 16, 305-317.
Blankers, M., Nabitz, U., Kerssemakers, R., Schramade, M. & Schippers, G. (2008). Internetprogramm Selbsthilfe Alkohol: Erste Ergebnisse. Sucht, 54, 280-288.
Körkel, J. (2002). Kontrolliertes Trinken: Eine Übersicht. Suchttherapie, 3, 87-96.
Körkel, J. (2007). Damit Alkohol nicht zur Sucht wird - kontrolliert trinken: 10 Schritte für einen bewussteren Umgang mit Alkohol. Stuttgart: Trias.
Kraus, L. & Augustin, R. (2001). Repräsentativerhebung zum Gebrauch psychoaktiver Substanzen bei Er wachsenen in Deutschland 2000. Sucht, 47 (Sonderheft 1), S3-S86.
Küfner, H. & Kraus, L. (2002). Epidemiologische und ökonomische Aspekte des Alkoholismus. Deutsches Ärzteblatt, 99, A936-A945.
Lindenmeyer, J. (2005). Alkoholabhängigkeit (2. überarbeitete Aufl.). Göttingen: Hogrefe Verlag für Psychologie.
Linke, S., Brown, A. & Wallace, P. (2004). Down Your Drink: A Web-Based Intervention for People with Excessive Alcohol Consumption. Alcohol & Alcoholism, 39, 29-32.
Riper, H., Kramer, J., Keuken, M., Smit, F., Schippers, G. & Cuijpers, P. (2008). Predicting Successful Treatment Outcome of Web-Based Self-help for Problem Drinkers: Secondary Analysis From a Randomized Controlled Trial. Journal of medical Internet research, 10, e46.
Riper, H., Kramer, J., Smit, F., Conijn, B., Schippers, G. & Cuijpers, P. (2008). Web-Based self-help for problem drinkers: a pragmatic randomized trial. Addiction, 103, 218-227.
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Rumpf, H.-J., Meyer, C., Hapke, U., Bischof, G. & John, U. (2000). Inanspruchnahme suchtspezifischer Hilfen von Alkoholabhängigen und -mißbrauchern: Ergebnisse der TACOS-Bevölkerungsstudie. Sucht, 46, 9-17.
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Sobell, L.C. & Sobell, M.B., Leo, G.I., Agrawal, S., Johnson-Young, L. & Cunnigham, J.A. (2002). Promoting self-change with alcohol abusers: a community-level mail intervention based on natural recovery studies. Alcoholism: Clinical and Experimental Research, 26, 936-948.
Soyka, M. (2013). Evidenzbasierte Therapie der Alkoholkrankheit. Neuropsy, 13, 16-23.
Uhl, A., Bachmayer, S.,. Kobrna, U., Puhm, A., Springer, A., Kopf, N., Beiglböck, W., Eisenbach-Stangl, I., Preinsperger, W. & Musalek, M. (2009). Handbuch Alkohol – Österreich: Zahlen, Daten, Fakten, Trends 2009 (3. überarbeitete und ergänzte Aufl.). Wien: Bundesministerium für Gesundheit.
Walters, G.D. (2000). Behavioral self-control trainng for problem drinkers: A meta-analysis of randomized control studies. Behavior Therapy, 31, 135-149.
Wessel, T. & Westermann, H. (2002). Problematischer Alkoholkonsum – Das psychoedukative Schulungsprogramm PEGPAK. Suchttherapie, 3, 97-102.
Wienberg, G. (2001). Die »vergessene Mehrheit« heute - Teil IV: Zur Situation in der medizinischen Primärversorgung. In G. Wienberg & Driessen, M. (Hrsg.), Auf dem Weg zur vergessenen Mehrheit. Innovative Konzepte für die Versorgung von Menschen mit Alkoholproblemen (S. 228-241). Bonn: Psychiatrie-Verlag.